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SILVESTER IN LISSABON

Dez-31-2008 By admin

Knusprige Farturas, Schweineköpfe und geröstete Maronen: In Lissabon ist der Silvesterabend ein willkommener Anlass, um festlich zu schlemmen. Gegen Mitternacht strömen die Menschen auf die Straßen - auf dem Praça do Comércio begrüßen Zehntausende das neue Jahr.

Lissabon - Auf den Gemälden der Straßenkünstler in der Rua Augusta mitten in Lissabon hat das neue Jahr schon angefangen. Auf den Leinwänden fahren gelbe Straßenbahnen durch Häuserreihen aus Pinselstrichen, und am Stand ganz links sind die Bilder signiert mit “Guiseppe” und der Jahreszahl, die erst ab Mitternacht gelten wird. “Morgen ist das alte Jahr sowieso vorbei. Das lohnt sich nicht mehr”, sagt der Künstler an diesem letzten Tag im Dezember.

Durch den Arco da Victória zieht Nebel vom Rio Tejo in die breite Einkaufspromenade. Dort vermischt er sich mit dem Rauch des Ofens, in dem ein alter Mann mit Baseballkappe Maronen in Salzkruste röstet. Mit runzeligen Händen klaubt er ein paar Kastanien in eine aus Zeitungspapier gedrehte Tüte. Zwei Euro, “obrigado”, vielen Dank.

Im Schaufenster der Bäckerei “Casa Brasileira” am anderen Ende der Rua Augusta türmen sich Eiertörtchen, Honigkuchen und Mandelplätzchen auf silbernen Tabletts. Der “bolo rei” - der Königskuchen - wird dort nur an Weihnachten und Neujahr verkauft. Kandierte Früchte leuchten in Gelb, Rot und Grün auf runden Rührkuchen. Verkäuferinnen packen Stücke davon in Schachteln ein.

Die Weihnachtsstimmung zieht sich in Lissabon bis ins neue Jahr. Über den Straßen leuchten Girlanden aus Sternen, Kränzen und Glocken. Im Altstadtviertel Alfama klettern Nikolauspuppen die gekachelten Fassaden hinauf und ziehen sich an verschnörkelten Balkongeländern hoch. Manche von ihnen verschwinden bis zur Hüfte in einem Wald aus Wäsche, der über den engen Gassen in der Dezembersonne trocknet.

Traditionelle Messe mit elektrischen Opferkerzen

Am Fuße des verwinkelten Viertels läuten die Glocken der Igreja de São Domingos zur Abendmesse. Auf den zerfurchten Säulen im Kirchenschiff haben das große Erdbeben von 1755 und ein Feuer in den 1950er Jahren Spuren hinterlassen. Einst wurden hier die Urteile der Inquisition verlesen. Heute hallt ein Vaterunser durchs Gemäuer, und hinter der Kanzel liest ein Kind mit Glöckchenstimme die Fürbitten.

Die Holzstühle ächzen unter dem Gewicht der Gläubigen, während ein Priester in bestickter Robe Hostien in die Münder der Kirchgänger schiebt. Allein die elektrischen Opferkerzen in den mit Münzschlitzen versehenen Glaskästen erinnern an die moderne Welt vor dem Portal.

Auf dem Platz vor der Kirche stehen am Silvesterabend Bruna und Dina in ihrer Süßwarenbude und verkaufen Farturas. Während die beiden jungen Frauen die knusprig frittierten Teigstangen in Zimt und Zucker wälzen, wünschen sie jedem mit breitem Lächeln ein “bom ano”, ein gutes Jahr. “Und nimm dich vor den Taschendieben in Acht”, sagt die 22-jährige Bruna. “Die werden in der Dämmerung aktiv.”

Die Restaurants auf der Rua das Portas de Santo Antão sind schon am frühen Abend gut gefüllt. In den Schaufenstern können Gäste ihr Mahl vor dem Essen inspizieren: Rohe Fische, Garnelen und geräucherte Schweineköpfe warten dort. Ergraute Kellner in blauen Strickpullovern hasten mit Olivenschalen und leeren Espressotassen in den Händen zwischen Küche und Lokal hin und her. Der Wirt hinter dem Tresen hackt einen Schweinekopf in Stücke, die junge Frau am Nachbartisch knallt schwungvoll einen kleinen Hammer auf die Hummerschalen auf ihrem Teller. Der Christbaum am Eingang erzittert.

Gitarrenkonzert mit Filzmütze

Gemütlicher geht es zu in einem winzigen afrikanischen Lokal in der Rua de São Cristovão. Hier heißt die Wirtin Maria, und wenn sie nicht auftischt, steht sie zwischen den Gästen und singt aus voller Brust Balladen. Ihr mürrischer Kellner Pedro hat sich eine Filzmütze aufgesetzt und zupft glücklich an den Saiten seiner Gitarre. In der klitzekleinen Küche kocht der Großvater Huhn in Erdnusssoße.

Marias Familie zog 1966 von den Kapverdischen Inseln vor der Küste Afrikas nach Lissabon. Die meisten Einwanderer kamen erst ein paar Jahre später, als Mitte der siebziger Jahre Salazars Regime in Portugal zusammenbrach und die afrikanischen Kolonien ihre Unabhängigkeit erlangten. Aus Angola und Mosambik, Kapverde sowie São Tomé und Príncipe strömten Hunderttausende nach Portugal. Die große Mehrheit von ihnen lebt nach wie vor in der Hauptstadt.

Auf dem Praça do Comércio, dem prunkvollen Platz jenseits des Arco da Victória, treten in dieser Nacht Sänger und Musiker auf. Zu den Beats rocken Kinder auf den Rücken ihrer Väter ausgelassen auf und ab, rund 60.000 Menschen tanzen ins neue Jahr. Über dem Treiben thront stoisch König José I. auf seinem Steinsockel. Auch die Feuerwerksraketen, die um Mitternacht in den Himmel sausen, können ihn nicht herunterschießen.

Heike Sonnberger, dpa

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