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Von Maik Brandenburg

2. Teil: Die Geburt bestimmt, wer ein Uppie ist

Das Kreuz teilt die Stadt. Durch das “Mercat Cross” läuft die Trennlinie zwischen Ober- und Unterstadt, sie ist der 38. Breitengrad von Kirkwall. Die Geburt entscheidet, wer ein Uppie, wer ein Doonie ist. Ein geborener Uppie mag in der Unterstadt wohnen, doch nie würde er seine Leute “von oben” verraten. “Als meine Frau schwanger war, durfte sie nicht mehr bei ,Scott’s’ einkaufen”, sagt Uppie Bob Leslie, der Fleischerladen liegt schon “unten”. An Bobs Wohnzimmerfenster hängen die Ba’s mehrerer Generationen. Nichts ist schöner, als wenn Passanten sich an der Scheibe die Nase platt drücken.

Wer außerhalb von Kirkwall zur Welt kommt, bei dem entscheidet, an welcher Stelle er die Stadt zum ersten Mal betritt. Als Doonie Michael Drever seinen gerade geborenen Sohn aus dem Krankenhaus von Finstowy nach Hause fuhr, nahm er nicht die neue Straße durch Haxton Brae rein nach Kirkwall. Sein Weg führte ihn auf der alten, holprigen, um vieles längeren Finstowy Road in die Stadt. Das ging zwar ganz schön auf die sehr jungen Knochen seines Sprösslings, doch Michael nahm es als erstes Training. Vor allem aber blieb seinem Sohn das entwürdigende Schicksal, ein Uppie zu sein, erspart.

“Sonofabitch!”

Endlich bewegt sich der Mob merklich in eine Richtung, es geht aufwärts, die Broadstreet hoch, Richtung “Kirkwall Hotel”, der Junction Road näher. Es sieht nicht gut aus für die Doonies. Der Mob ist ein einziger großer, um sich selbst drehender Körper, der entlang des Weges alles zermalmt, was sich ihm in den Weg stellt. Das können Fensterscheiben sein, Schaufensterauslagen, auch Schränke oder Kommoden, denn auch durch Wohnstuben wälzt sich der Mob gelegentlich.

Wer wird je das “Albert Hotel” vergessen, als Hughie Marwick durch die Türscheibe brach, der Mob hinterher durch die Korridore und in die Küche? Besitzer John Ballantyne soll arg gejammert haben, weniger allerdings über die Zerstörungen als über seine Nachlässigkeit, das Hotel nicht ordentlich verbarrikadiert zu haben. Es zahlt sich halt nicht aus, an der Dicke der Eichenplatten zu sparen. Zumal keine Versicherung für die Schäden aufkommt.

“Der Traum, den wir alle träumen”

Langsam bewegt sich der Mob die Broad Street hoch, es dämmert bereits. Doch noch kann es Stunden bis zur Entscheidung dauern. Das längste Ba’ Game wurde erst nach sieben Stunden beendet. Der Mann, der den Ball zuerst gegen die Mauer an der Junction Road drückt oder ihn ins Wasser des Hafens tunkt, hat das Spiel entschieden. Er ist der eigentliche Held, er wird auf Schultern durch die Straßen getragen, er darf den Ba’ behalten und kommt samt Foto in die Annalen, sie reichen bis ins Jahr 1840. Das ist alles.

Das ist ALLES! Jim Cromarty schiebt eine Videokassette ein, die Titelmelodie zu “The Great Escape”, einem monumentalen Kriegsfilm, erklingt. Es ist sein Film, er zeigt seinen größten Triumph, allerdings Jahre später, mit Freunden nachgestellt: Wie er den Ba’ zu fassen kriegt, kurz bevor die Doonies ihn in den Hafen tauchen konnten. Wie er damit die Shore Street hoch ist – “tätt-a-tää” machen die Trompeten –, vorbei an der Bridge Street, an Scotts Fischladen in die Albert Street – “bumm-bumm-bumm” schlagen die Pauken –, Broad Street, Victoria Street, Lobbans Metzgerei – Fanfare –, und dort stand Tom Slater, der nahm ihn mit in sein Auto, bis Jim Cromarty fünf Minuten später den Ba’ gegen die Mauer an der Junction Road tatschte. Geigen, aus. “Es ist”, sagt Jim schwer atmend, “der Traum, den wir alle träumen.”

Langsam bewegt sich der Mob die Broad Street hoch. Die Scheibe eines Getränkeladens splittert, die Auslage ist vorsorglich leer. Beim Christmas Ba’ 1948 erwischte es das “Atholl Café”, Doonie Johnnie Walls verteilte den ausliegenden Kuchen an den Mob. Runtergespült wurde alles mit ein paar Gläsern Milch, Besitzer David Spence goss sie aus Krügen direkt in die Münder der Spieler. Für den Fall, dass sich der Mob auch in seine Bridge Street verirrt, hält Robert Miller von der Weinhandlung Scott & Miller darum zu jedem Spiel Flaschen bereit, die er per Seil aus dem oberen Stock seines Geschäfts herunterlassen kann.

Drei Stunden schon. Der Mob presst sich durch die Main Street. Von außen drücken die Schwergewichte beider Mannschaften, drinnen stöhnen die Eingequetschten. Bloß nicht den Ball verlieren, bloß nicht aus dem Zentrum lassen. “Siehst du ihn, Ian?” – “Ja, ich hab ihn!” Nichts schlimmer, als dass der Ball längst außerhalb der Meute wäre, mit ein paar Jungs unbemerkt durch die Straßen, ein perfekter “smuggle”. Immer wieder ist das passiert, die Sieger saßen längst im “St. Ola” oder im “Harbour Fry”, während der Rest sich weiter um Luft balgte.

Der zweite Ball, der zu dramatischen Verwicklungen führte

Überhaupt die Geschichten. In den Pubs von Kirkwall, heißt es, verschimmelt der Whisky, wenn sie anfangen zu erzählen. Vom Mann, der sich mit dem Ba’ auf dem Friedhof versteckte, während der Mob an seinem Haus rüttelte. Von den Doonies, die im Eis einbrachen. Vom Pferd, das den Ba’ ans Ziel brachte.

Von dem zweiten Ball, der plötzlich im Spiel auftauchte und zu tagelangen dramatischen Verwicklungen führte. Vom Ba’, der verschwand, vom Ba’, der platzte, vom Ba’, der keiner war, sondern ein stinknormaler Lederball. Von all den Schlachten und Scharmützeln, von den Verheerungen, den Verletzungen und – am Ende überrascht das dann doch – von keinem Todesfall.

Gar nicht gerne wird erzählt vom Women’s Ba’. Genau zweimal rauften sich auch die Frauen um den harten Ball. Das war kurz nach dem Krieg, Männer waren rar auf den Orkneys. “Anständige Frauen sollten einander nicht verprügeln”, sagt Bob Leslie. Billy Jolly reibt sich die Nase. “Frauen sehen nicht mehr gut aus nach so einem Spiel.”

Violet Grieve aber sagt: “Würde heute wieder ein Women’s Ba’ gespielt, ich würde ihn einwerfen.” Die 77-Jährige hatte den zweiten Ba’ gewonnen, Neujahr 1946. “Eigentlich wollte ich nur zugucken.” Am Ende hielt sie den Ball hoch und wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. “Ich hatte meinen neuen Pullover an, ein Geschenk zu Weihnachten. Ich konnte ihn wegschmeißen.” Der Verlust schmerzt sie noch immer. “Es ist gut, dass die Frauen so was nicht mehr machen”, sagt Jim Cromarty, “die haben sich schlimmer gedroschen als wir.”

“Hurray!!”

Es ist längst dunkel, als die Uppies den Ball an die Mauer drücken. Im “St. Ola” stehen sie in Reih und Glied für die Pints und den Whisky an. Sie stoßen an und stöhnen auf, wenn der Alkohol die lädierten Lippen berührt. Alan Monkman sitzt schmerzgekrümmt auf dem Stuhl, jemand führt ihm das Glas an den Mund.

Zum Christmas Ba’ vergangene Woche hat er sich zweimal die Schultern ausgerenkt. Heute war der 22-Jährige dennoch dabei, jetzt ist das Knie außer Gefecht, jedenfalls muss er ganz schön humpeln, und es war ziemlich weit vom Krankenhaus bis hierher. Ein paar Halbwüchsige sehen ihn bewundernd an, einer haut ihm auf die Schulter. Alan schreit auf.

“Scheiß Spiel”, sagt er glücklich.

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